Nov 272018
 

130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten am 22.11.2018 die diesjährige Ernährungsfachtagung zu dem Thema „Süß im Geschmack – bitter in der Wirkung? Aktuelle Daten und Fakten zu Kohlenhydraten in der Ernährung“. Nach dem Grußwort von Dr. Dirk Freitag, Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt M-V, würdigte Dr. Kiran Virmani, Geschäftsführerin der DGE, das 25-jährige Jubiläum der DGE-Sektion MV mit einem interessanten Rückblick auf die Anfänge. Auch Prof. Dr. Jörg Meier, der seit 20 Jahren die DGE-Sektion ehrenamtlich wissenschaftlich leitet, wurde im Anschluss von Prof. Dr. Heseker geehrt.

Als Einstieg in die Thematik erläuterte Prof. Dr. Helmut Heseker von der Universität Paderborn daraufhin, welche Fakten und Fiktionen rund um das Thema Kohlenhydrate bekannt sind. Er erläuterte die Informationen der aktuellen „Leitlinie Kohlenhydrate“ der DGE und zeigte Gründe auf, warum sich viele Fiktionen so hartnäckig halten. Ursächlich dafür sind z.B. die gezielte Förderung von „Positiv“-Studien durch die Industrie oder das gezielte Einsetzen von Widersprüchen zur Verunsicherung.

Im zweiten Beitrag präsentierte Prof. Dr. Christian Sina, Direktor am Institut für Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Studienergebnisse, die zeigten, dass es Personen gibt, die auf die selbe Kohlenhydratquelle mit völlig unterschiedlichen Blutzuckerreaktionen antworten. So erzeugten Haferflocken bei manchen Personen einen starken Blutzuckeranstieg, während andere Personen nur moderat reagierten. Umgekehrt gab es aber auch Personen, die auf ein Vollkornbrot ebenso mit diesen sehr verschiedenen Blutzuckerreaktionen antworten. Bei der Suche nach einer Erklärung fanden die Forscher heraus, dass man diese Personen in verschiedene Typen zusammenfassen kann (Brot-Typ, Haferflocken-Typ, Misch-Typ), die alle innerhalb ihrer Gruppe jeweils die selben Auffälligkeiten in der Mikrobiomzusammensetzung zeigten. Dies gibt Hinweise darauf, dass bei diesen Personen die Ernährungsempfehlungen in Hinblick auf Diabetes- oder Adipositas-Therapie individueller gestaltet werden sollte.

Im Anschluss folgte der Vortrag von Frau Dr. Körber, Gynäkologin und Ernährungsmedizinerin aus der Universitätsfrauenklinik Rostock Südstadt. Sie berichtete von ihren Beobachtungen im Hinblick auf die steigende Prävalenz von Schwangerschaftsdiabetes bei den vom Klinikum betreuten Frauen und zeigte auf, dass diese auch mit einem Anstieg von makrosomen, also zu großen und zu schweren Kindern, verbunden ist.

Prof. Dr. Matthias Schulze, Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke, beschrieb in seinen Beiträgen zunächst aktuelle Ergebnisse aus der epidemiologischen Forschung zu Kohlenhydrate. Hier konnten die Aussagen der zuvor bereits beschriebenen Leitlinie Kohlenhydrate unterstützt werden. In seinem zweiten Beitrag ging er auf den Umgang mit wissenschaftlichen Daten ein und erklärte, dass man nicht gleich an einen Paradigmenwechsel glauben sollte, wenn eine neue Studie mit bahnbrechenden Ergebnissen publiziert wird, sondern dass bei Studien das Studiendesign, die Studienpopulation, statistische Verfahren u.ä. einen enormen Einfluss auf das Ergebnis haben. Auch reicht eine Studie nie aus. Es sollten an weiteren Standorten mit anderen Studienpersonen in gleich angelegten Studien ähnliche Ergebnisse erzielt worden sein, um eine bessere Aussagekraft der Ergebnisse zu erreichen. Zudem werden viele wissenschaftliche Erkenntnisse, wie absolute oder relative Häufigkeiten bzw. Risiken von der Bevölkerung meist falsch interpretiert und somit oft unter- bzw. überschätzt.

Abschließend zeigte Christine Reudelsterz, Mitglied des Arbeitskreises Ernährung in der Arbeitsgemeinschaft PRIO der Deutschen Krebsgesellschaft Berlin, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu kohlenhydratarmen Diäten in der Krebstherapie auf. Auch die aktuelle Studienlage zeigt, dass eine kohlenhydratarme Ernährung zum einen insbesondere in dieser schwierigen Krankheitssituation extrem schwierig umsetzbar ist und zum anderen auch kein „Aushungern“ des Krebses bewirken kann. Denn der Körper hält den Blutzuckerspiegel in einem konstanten Bereich, sodass bei einer kohlenhydratarmen Ernährung kein generell geringeres Level des Blutzuckers erreicht wird, sondern der Körper dann selbst Glucose aus internen Speichern generiert, um den Spiegel weiterhin aufrecht zu erhalten. Die Krebszelle wird also dennoch wie auch jede andere Zelle mit derselben Menge Blutzucker konfrontiert und ernährt sich daher auch dann weiterhin von der bereitgestellten Glucose. Eine ketogene, also extrem kohlenhydratarme Ernährung, kann sogar dazu führen, dass die Patienten deutlich zu wenig Nahrung zu sich nehmen und in eine gefährliche Mangelernährung geraten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verließen die Tagung mit vielen Bestätigungen ihres Wissensstandes, aber auch neuen Erkenntnissen für ihre Arbeitspraxis.

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