Okt 232018
 

Am 18.Oktober 2018 veranstaltete die DGE-Sektion MV ein weiteres Seminar mit der erfahrenen Dozentin Dipl.-Ökotr. Christiane Schäfer. 20 Teilnehmerinnen erfuhren, wie klein die Zahl an gesicherten ernährungstherapeutischen Interventionsempfehlungen ist und welche Schwachstellen die aktuelle Leitlinie in diesem Bereich hat, sodass auch auf Erfahrungen zurückgegriffen werden musste.

Divertikel sind Darmausstülpungen, die größtenteils im absteigenden Dickdarm auftreten. Im Alter von über 60 Jahren trägt fast jeder Dritte Divertikel im Darm, ab 85 Jahren hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung Divertikel. 75 % der Divertikelträger bleiben lebenslang ohne Symptome. Problematisch wird es erst, wenn sich die Divertikel entzünden (=Divertikulitis). Dann können Schmerzen, Blutungen, Stenosen und Fisteln zu anderen Darmabschnitten oder anderen Organen entstehen. Gesicherte Risikofaktoren sind zunehmendes Alter, ein hohes Körpergewicht, starkes Heben und Tragen und Immunsuppression; diskutiert werden aber auch Hypothyreose, arterielle Hypertonie, Diabetes und die chronische Einnahme von nichtsteroidalen antientzündlichen Medikamenten. Während einer aktiven Divertikulitis sollte 1-2 Tage auf leichte oder flüssige Kost zur Reduktion der Entzündung umgestiegen werden, aber bereits nach zwei bis vier Tagen sollte der Übergang zur Normalkost inklusive einer Stuhlgangskontrolle stattfinden. Eine längere Nahrungskarenz oder Zeit mit ausschließlich flüssiger Kost fördert aufgrund der wenigen Ballaststoffe eine Rückkehr der Symptomatik. Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn der Patient aus der Klinik mit der Information „leichte Vollkost“ entlassen wird und erst Tage oder Wochen später den Termin bei der Ernährungsberatung hat. Hier kann es im schlechtesten Fall passieren, dass sich durch die länger andauernde ballaststoffarme Kost ein Rezidiv entwickelt. Daher ist es essentiell, dass der Ernährungstherapeut die aktuellen Entzündungswerte des Patienten kennt, um zu sehen, in welcher Phase er sich befindet. Wenn ein Rezidiv durch normale Entzündungswerte ausgeschlossen ist, kann die passende Ernährungsintervention beginnen, die nicht nur die Lebensmittel-Auswahl, sondern auch viele andere Aspekte wie den Lebensstil, den Zeitpunkt des Verzehrs, die Kombination von Lebensmitteln, Mahlzeitenstruktur, Kochkompetenzen und Lebensmittelmengen beinhaltet. Diese Aspekte arbeiteten die Teilnehmerinnen intensiv heraus, sodass eine große Übersicht risikobehafteter Situationen und möglicher Lösungen dafür entstand. Bei der Lebensmittelauswahl wurden u.a. die Ballaststoffe in den Fokus gerückt. Bei der Erhöhung der Ballaststoffmenge kommt es aber sowohl auf die richtige Ballaststoffqualität als auch auf die Zusammensetzung der Mikrobiota an. Quintessenz aus dem Seminar war letztlich, dass der Anteil löslicher Ballaststoffe erhöht werden muss, z.B. über Haferflocken, junges Gemüse, Nussmus/Nussmehle, geschrotete Leinsamen, Pektine oder Guar. Damit diese Lebensmittel nicht zu Blähungen führen (welche wiederum durch die Druckerhöhung im Darm eine Divertikulitis begünstigen würden), muss die Mikrobiota eine günstige Zusammensetzung haben. Dies erreicht man durch den täglichen Verzehr von Sauermichprodukten. Empfehlenswert sind daher Quark, stichfester Joghurt (nicht „mild“!), Kefir, Buttermilch oder auch Schmand. Erkennbar ist ein Sauermilchprodukt im Alltag am niedrigen Zuckergehalt, denn dieser zeigt, dass viele Milchsäurebakterien im Produkt enthalten sind, die einen Großteil der Laktose (steht in der Nährwerttabelle als „Zucker“) bereits zu Milchsäure abgebaut haben. Auch sauer eingelegtes Gemüse wie Sauerkraut ist daher empfehlenswert. Als grobe Faustformel merkten sich die Teilnehmerinnen daher: Mindestens zweimal am Tag junges Gemüse und mindestens zweimal am Tag ein Sauermilchprodukt, gern auch in Kombination. Alle Teilnehmerinnen verließen das Seminar mit einem Aha-Effekt und können nun ihre Divertikulitis-Patienten ernährungstherapeutisch zielführender beraten.

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